Urlaubspastoral in Stralsund - Ein Erfahrungsbericht

Urlaubspastoral in Stralsund - Ein Erfahrungsbericht

Urlaubspastoral in Stralsund - Ein Erfahrungsbericht

# Tourismuspastoral

Urlaubspastoral in Stralsund - Ein Erfahrungsbericht

Wir, die „Urlaubspastoralen“ in Stralsund, haben es wirklich nicht leicht. Da ist zum einen die erdrückende Konkurrenz backsteinprächtiger Gotteshäuser, Klöster, mittelalterlicher Hospize und zum anderen die ungünstige Lage des Gotteshauses: Etwas abseits positioniert an einer vielbefahrenen Umgehungsstraße, die weder zum Shoppen noch zum Schlendern einlädt und die zudem ausgestattet ist mit vielen Anwohnerparkplätzen, die uns Urlaubspastoralen das Lösen eines Parkscheins abverlangt. So haben wir nach meinen Beobachtungen wenig Laufkundschaft, dafür aber Menschen, die gezielt die Katholische Kirche in Stralsund suchen. Was können wir diesen Menschen bieten?

I.

© Johannes Schaan

Mein Einstieg, der bei Gläubigen, Ungläubigen und Agnostikern gleichviel Aufmerksamkeit weckt, ist der Hinweis auf eine (m.W.) weltweit einmalige Besonderheit dieser kleinen Kirche: Sie ist umgedreht.

„Ach, wieso ...?“ Und schon ist man im Gespräch, das folgenderweise beginnen könnte:

„Als Sie eben die Kirche betraten, ist Ihnen vielleicht von außen die wunderschöne backsteinerne Absis aufgefallen, deren Bleiglasfenster nachts sogar beleuchtet sind. Sie ist traditionell nach Osten ausgerichtet, beherbergt heutzutage aber nicht den Altar, sondern eine Orgel.“ – „Warum denn das?“

Die Erklärung findet sich mit einem Blick auf das Jahr 1966. Reibungen zwischen Staat und Kirche waren in der DDR an der Tagesordnung. Zwar war die freie Religionsausübung durch die Verfassung der DDR geschützt. Aber es gibt ja noch das Ordnungsrecht!

Vorn, ordnungsgemäß in der Absis, stand vormals der Hochaltar und hinten (dort, wo jetzt der neue Altar steht) war der Ausgang zur Frankenstraße, einer schmalen Gasse, in der es vor und nach den Gottesdiensten häufig eng wurde. Die öffentliche Sicherheit und Ordnung also war gestört. Verfassung hin oder her, um diese „Gefahr“ abzustellen, wurde die Kirche mittels einer schlichten Ordnungsverfügung geschlossen, und zwar endgültig.

Die Kirche mit hölzernen Bänken und einem Altar im Vordergrund
© Maximilian Hofmann

Die Eingebung, die Kirche innen einfach umzudrehen und damit das Ärgernis zu beheben, muss eine Idee des Heiligen Geistes gewesen sein. Oder die pommerische Variante der Erzählungen von „Don Camilo und Peppone“. Jetzt jedenfalls hatte man sogar genügend Platz für den Plausch nach den Messen und störte niemanden.

Für die Variante „Don Camilo“ spricht auch das kleine Teufelchen, das in der Frankenstraße gegenüber dem Pfarrhaus an die Regenrinne geklammert dem Pfarrbüro tagtäglich seinen nackten Po entgegenstreckt, was wohl bedeutet: „Ihr könnt mich mal!“ Das kleine humorlose Plastetäfelchen darunter, das eine andere Geschichte erzählt, ist - Hand aufs Herz - nicht so richtig glaubwürdig.

II.

Römisch-Katholisch Gläubigen - so ich sie erkenne - und kulturhistorisch Bewanderten stelle ich mit Blick auf das ewige Licht manchmal die Frage, wo sich denn der dazugehörige Tabernakel befindet. Vom Kircheingang aus sieht man das rote ewige Licht sofort, den Tabernakel aber nicht. Erst wer vorn am Taufstein steht und seinen Blick nach rechts in die Seitenkappelle wendet, erkennt links des Altars den Tabernakel, allerdings ohne die optische Markierung durch das ewige Licht. 

III.

© Chronik St. Josef

Hin und wieder spreche ich bei den Besuchern noch einen großen katholischen Pfarrer an: Friedrich Radek. In vollem priesterlichem Ornat erschien er 1945 beim sowjetischen Stadtkommandanten, erhielt von ihm die Kapitulationsbedingungen, überbrachte sie unter Einsatz seines Lebens den auf Rügen verbliebenen Wehrmachtseinheiten und bewegte sie zur Unterzeichnung. Damit wurde die Stadt vor weiten Kampfhandlungen und möglicher Zerstörung bewahrt.

So ändern sich die Zeiten und die Anschauungen: 1955 verlieh ihm die DDR dafür den Vaterländischen Verdienstorden. 1958 war es genug, er gab ihn wegen der Repressionen gegen die katholische Kirche zurück.

Sein Grab befindet sich auf dem Katholischen Friedhof am Frankendamm 73, ich habe es noch nicht gefunden. Das Pfarrhaus trägt zu seiner Ehre seinen Namen.

IV:

Altes Schriftstück mit geschwungenem Titel und handgeschriebenem Text.
© Johannes Schaan

Zu Schluss eine Bemerkung für wohlwollende Insider: Leicht hatte es der katholische Glauben in Stralsund nie. Bis zum ausgehenden Mittelalter war die Welt noch in Ordnung, die Stadt gehörte zum Einflussbereich des Deutschen Ordens und war römisch-katholisch. Die Nikolai-Kirche oder die Marien-Kirche stammen aus dieser Zeit und geben Zeugnis. Mit der Reformation wurde die Stadt schnell protestantisch, nach dem Dreißigjährigen Krieg kam sie zu Schweden, blieb also evangelisch. Das änderte sich auch nicht mit dem Übergang zu Preußens Glanz und Gloria. Schlimm kam es zum Schluss noch für alle Christen durch die allgemeine Entkirchlichung in der DDR.

Summa summarum: Seit etwa 500 Jahren - ich würde die Zeit seit 1520 ansetzen - konnte sich in Stralsund kein katholisches „Graswurzelgeflecht“ bilden. Umso mehr Respekt für das heutige katholische Leben. Ich hebe nichts und niemand extra hervor: nicht die Caritas, nicht die Lazarus-Bewegung, nicht das tägliche Stundengebet und nicht die Urlaubspastoral: weil ich in meiner Woche hier Vieles andere einfach noch nicht gesehen habe. 

Nur den sonntäglichen Gottesdienst und die beiden Geistlichen erwähne ich namentlich: Wir brauchten nicht über eine Krise des Glaubens reden, wenn wir überall ein so gutes Bodenpersonal Gottes hätten!!!

Thomas Bachmann

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Katholische Kirchengemeinde Pfarrei St. Bernhard Stralsund/Rügen/Demmin • Frankenstr. 39 • 18439 Stralsund

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