Katholisches Leben in Stralsund – eine Zeitschiene bis in die Gegenwart - Episode 48

Katholisches Leben in Stralsund – eine Zeitschiene bis in die Gegenwart - Episode 48

Katholisches Leben in Stralsund – eine Zeitschiene bis in die Gegenwart - Episode 48

# Jubiläum250

Katholisches Leben in Stralsund – eine Zeitschiene bis in die Gegenwart - Episode 48

Borromäerinnen (SMCB) in Stralsund - Teil 4

Ein Katholisches Waisenhaus und die ersten Ordensschwestern in Stralsund vom ersten Tage 1862 bis 1979 zum Rückruf in ihr Mutterhaus nach Görlitz

Alle Bilder aus der Chronik St. Josef Waisenhaus- Altersheim

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde auch für die Schwestern in St. Josef in Stralsund vieles anders. So berichtet Schwester Tarbula Mitzka über ihren Beginn in Stralsund und wer sie dabei als Oberinnen begleitete.

Ich war seit dem 23.09.1910 in Stralsund tätig. Wir wohnten zunächst in der Frankenstraße 39 im Hinterhaus bei der ehemaligen alten Schule im Gartenhaus, ganz einfach und bescheiden. In den ersten Stock gelangten wir nur über eine Leiter. Zum Unterhalt hatten wir nicht viel. Wir waren einfach sehr, sehr arm.  Die Umstände möchte ich nicht weiter beschreiben. Dann wurde das Haus im Jungfernstieg gekauft und umgebaut. Es ging langsam voran. Amtierender Pfarrer war anfangs Pfarrer M. Wahl, dem dann der spätere Monsignore Friedrich Radek folgte. Der jetzige Pfarrer ist Georg Ketz.

Meine Oberinnen waren bis zu heutigem Tag:

1) Schwester Mutter Oberin Viktorina
2) Schwester Mutter Oberin Maria Armelia
3) Schwester Mutter Oberin Emerika
4) Schwester Mutter Oberin Henriette
5) Schwester Mutter Oberin Florida
6) Schwester Mutter Oberin Rufina
7) Schwester Mutter Oberin Cläre
8) Schwester Mutter Oberin Alfonsa von 1944 – 1953
9) Schwester Mutter Oberin Bibiana 1953
10) Schwester Mutter Oberin Konkordia 1953 – 1958 Auflösung des Kinderheimes
11) Schwester Mutter Oberin Petrussa ab 1959 Beginn St. Josef Altenheim

Meine Mitschwestern, die auch in Stralsund waren, bekomme ich mit ihren Namen nicht mehr zusammen. Schade!

Schwester Oberin Petrussa Richter hat ihrerseits einen umfassenden Bericht hinterlassen, darin liest man:

Bisher habe ich in unserer Gemeinschaft recht viele schöne Jahre, aber leider auch viele große Stürme mitgemacht. Im Jahre 42 oder 43, ich weiß nicht mehr genau, haben uns die Nazis das Heim im Jungfernstieg mit Garten genommen für ihren Bedarf. Erst waren alte Leute, dann waren Jugendliche zu verschiedenen Kursen und zuletzt war ein Krankenhaus, ein Arzt und eine Ärztin wohnten auch hier. Es blieb uns nichts übrig, als das Haus zu verlassen, was wir nur konnten, haben wir in die Pfarrei geschafft. Die Federbetten, Bettstellen, Wäsche, paar Schränke und Lebensmittel, das übrige dort gelassen. Unser Herr Prälat hat uns zwei Zimmer und 1 Küche zur Verfügung gestellt. Die anderen lieben Schwestern sind weggekommen nach Trebnitz, nur Schwester Wiborada und ich sind geblieben. Nun wollten wir die Zimmer einräumen, da kam ein Polizist mit der Nachricht, wir beide sollten am nächsten Tag fahren nach Kolberg zum Einsatz, es blieb uns nichts übrig als zu fahren. Die Trebnitzer haben Schwester Oberin Klara nach Stralsund geschickt, die hat sich gekümmert um das Ganze. Nach einem Jahr kamen wir wieder nach Stralsund. Schwester Oberin Klara ging zurück nach Trebnitz, wir beide sind in Stralsund geblieben. Schwester Wiborada hat sich sehr bemüht das Haus im Jungfernstieg wieder zurückzubekommen. Es ist ihr auch gelungen. Es kamen Kinder und das Heim war wieder gefüllt. Doch dies konnte der „Teufel“ nicht ertragen (SED – Behörden, DDR-Volksbildungsministerium). Sie denunzierten und wühlten, was sie konnten. Die Kinder haben sie uns weggenommen und in den Zeitungen nichts Gutes berichtet.

Bericht der „Ostsee Zeitung“

Besondere Fürsorge widmet unser Staat den Kindern und Jugendlichen, die durch die Auswirkungen des zweiten Weltkriegs zu leiden hatten. In sorge um die Kinder besuchten Mitarbeiter der Volksbildung unter anderem auch das katholische Kinderheim St. Josef in Stralsund, Jungfernstieg. Hier sind solche Kinder untergebracht, die Vater und Mutter verloren haben oder aus ungünstigen Verhältnissen stammen.

Was stellten wir fest? Bei geringen Anlässen werden die Kinder von den Schwestern des Heimes geschlagen, und im Religionsunterricht legt sogar der Kaplan die Kinder übers knie, um sie zu züchtigen. Kinder, die nicht an religiösen Handlungen teilnehmen wollen, werden dazu gezwungen. Die Schlafräume sind stark überbelegt. Die Bettwäsche wurde in einem äußerst schmutzigen Zustand vorgefunden.

Die Schwestern machen sich in keiner Weise Gedanken, die Kinder im Sinne unseres Staates zu erziehen.

Die Bevölkerung hat ein recht, zu verlangen, daß Kinder auch im Sinne unserer Arbeiter -und Bauern- Macht erzogen werden. Diese Zustände müssen schnellstens verändert werden.

„Stralsunder Pfarrer bewies Mut“ – Bericht Petrusblatt

Der leitende katholische Pfarrer von Stralsund, Monsignore Friedrich Radek, hat den „Vaterländischen Verdienstorden“ demonstrativ an die Behörden der Sowjetzone zurückgegeben. Der Prälat protestierte damit, gegen die Schließung des katholischen St. Josef Kinderheimes in Stralsund. Die Schließung des Heimes und gleichzeitige zwangsweise Überführung der betreuten Kinder in ein staatliches Kinderheim war Ende April 1959 durch den Rat der Stadt mit der Begründung verfügt worden, die Kinder würden nicht im sozialistischen Geist erzogen.

Die Oberin des Heimes und die Stralsunder Geistlichen, darunter auch Monsignore Radek, waren im vergangenen Monat zum Oberbürgermeister der Stadt, Motczinski (SED), beordert worden, um die Schließungsverfügung entgegenzunehmen. Nach einem mündlichen Protest erhob sich Prälat Radek zu einer Erklärung.

Der Prälat hatte zu dieser Unterredung den Vaterländischen Verdienstorden der Sowjetzone angelegt, den er auf Grund seines Einsatzes für die Stadt Stralsund in den letzten Kriegstagen 1945 erhalten hatte. Damals verhinderte er durch sein mutiges Eingreifen eine Beschießung der Stadt. Prälat Radek legte jetzt den Verdienstorden vor allen Versammelten ab, entnahm seiner Aktentasche die Verleihungsurkunde und legte die Gegenstände auf den Tisch nieder: Herr Oberbürgermeister, diesen Orden übergebe ich Ihnen zu treuen Händen zurück. Ich glaube ich habe hier nichts mehr zu tun.

Grußlos und ohne irgendwelche Formalitäten verließen die kirchlichen Vertreter den Raum.

Schwester Oberin Petrussa Richter berichtet weiter:

Dann kam die Caritas aus Berlin und baute aus den großen Sälen des Hauses kleine Zimmer. 32 alte Leute zogen ein. Patera haben wir die Kapelle, Büro und Gemeindezimmer, dafür zahlt der Pfarrer Miete. Augenblicklich sind wir 10 Schwestern, 3 sind nicht zu den tätigen gerechnet, aber sie helfen, wo sie können. Inzwischen war ich auch sehr krank. Die Knie haben mir sehr zugesetzt und das Herz wollte auch nicht mehr vorwärts, sogar die letzte Ölung habe ich empfangen. Nun wollte mich der Hl. Petrus nicht reinlassen, ich wr nicht reif für den Himmel. Jetzt ist eine Ruhe im Haus mit den alten Leuten, wirklich schön. Der Herr Prälat Radek ist auch bei uns im Altersheim. Er ist glücklich, dass er bei uns bleiben darf, unter ärztlicher Behandlung, schwer herzkrank. Auch ein Kaplan wohnt bei uns, haben da alle Tage eine heilige Messe.

Nun was von der Jubiläumsfeier. Pfarrer Ketz hat Sorgen, daß in unserer Kirche nicht möglich sein wird zu feiern und wandte sich an den Herrn Pastor von der Marien Kirche und er hat zugesagt für die Feier. Nun war die Freude groß. Zur Feier hat der Herr Erzbischof Leviten Amt und Predigt gehalten. Viele Geistliche, Jugendliche, recht viel mit Fahnen und die vielen Ministranten, Groß und Klein. Das war eine Prozession von der Sakristei nach vorne zum Altar, um das Messopfer zu feiern und die schöne Orgel, wie die losging, ich glaube der Himmel hat sich bestimmt gefreut und wir am meisten. Der Organist von St. Marien hat gesagt, er hat die Kirche noch nie so voll gesehen, wie an diesem Tag. Alle hatten große Freude, es bleibt uns unvergesslich. Unsere liebe Ehrwürdige Mutter Patienzia und Vikarin Zita aus Görlitz und andere Oberinnen und Schwesternwaren da. Seine Exzellenz Erzbischof Bengsch und die Geistlichen aus den Nachbarorten waren bei uns dann zum Mittagessen.

Erinnern möchte ich an unsere eigenen persönlichen Jubiläen. Im Januar 1959 feierte unsere Schwester Benigna ihr goldenes Jubiläum, ebenso im Januar 1959 hat Schwester Murina ihr Silbernes Jubiläum. Am 27.09.1960 feierten wir das Goldene Jubiläum unserer lieben Schwester Tarbula. Sie war zugleich 50 Jahre in Stralsund und 50 Jahre im Kirchendienst tätig.

Im Januar 1962 wurde der Zaun im Garten erneuert, ebenso die lebende Hecke im Jungfernstieg.

Im Jahr 1965 wurde ein Notausgang in den Garten führend, von der Kapelle aus geschaffen. Ebenso wurde eine Trennwand in der Wäsche-Rollstube eingebaut und eine Lichtanlage in das Gartenhäuschen und den Stall gelegt. (das Gartenhäuschen wurde von einem Heiminsassen Herrn Robert Stenzel errichtet, der Tischlermeister aus dem Sudetenland war).

Auch wurden im Jahr 1963 14 Obstbäume gepflanzt, ebenso 10 Rosenstöcke gepflanzt und 6 Klematis. Die drei alten Birnbäume wurden gerodet. Im Jahr 1964 hat besonders Schwester Norberta im Dachgeschossausbau eine Not Stube eingerichtet.

Seelsorgestelle Jungfernstieg: Neben uns Schwestern wohnte bis 1963 Kuratus Scharfenberger im Haus. Ihm folgte bis Februar 1965 Kaplan Johannes Ruhl. Zurzeit ist Norbert Grützmacher Kaplan. In der Frankenstraße wohnt noch ein großer Unterstützer unseres Hauses. Herr Dechant Josef Pich, aus dem Sudetenland 1945 nach Stralsund deportiert. Er war in der schweren Russenzeit Seelsorger im Kinderheim und großer Wohltäter des Hauses. Am 17.Juli 1964 verstarb als Heiminsasse unser Gönner und Anwalt in schwerer Zeit, Herr Prälat Radek am Schlaganfall.

Am 31 Januar 1965 verstarb unsere Schwester Beningna, sie war lange Jahre Oberin in Trebnitz. Sie ruht auf dem kleinen katholischen Friedhof in Stralsund. Neben ihr sind unsere Schwestern Blandina, Schwester Scholastika und Schwester Edmunda begraben.

18.05.1965 Sr. M. Petrussa Richter

Korrektur Wolfgang Vogt
überarbeitet Roland Steinfurth
Gemeinde Hl. Dreifaltigkeit Stralsund

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