
28/08/2025 0 Kommentare
Katholisches Leben in Stralsund – eine Zeitschiene bis in die Gegenwart - Episode 32
Katholisches Leben in Stralsund – eine Zeitschiene bis in die Gegenwart - Episode 32
# Jubiläum250

Katholisches Leben in Stralsund – eine Zeitschiene bis in die Gegenwart - Episode 32
Militärseelsorge Teil 1
Katholische Militärseelsorge Gestern und Heute in Stralsund
Die Militärseelsorge hat in Stralsund eine jahrhundertalte Tradition. Als die ersten katholischen Priester nach dem Dreißigjährigen Krieg in die Stadt kamen, waren es vor allem Soldaten des schwedischen Heeres, nämlich Söldner aus aller Herren Ländern, von denen viele katholisch waren. Nach dem Tod des kriegerischen Königs Karl XII. im Jahr 1718 und Schwedens Niederlagen im Großen Nordischen Krieg waren das Schwedische Parlament (Riksdag) und der Reichsrat stark genug, eine Verfassungsreform durchzusetzen, die die Alleinherrschaft des Königs abschaffte und die Macht in die Hände des Reichstags legte. Das Schweden des 18. Jahrhunderts war gekennzeichnet durch eine rapide kulturelle Entwicklung. Nach dem Abzug der schwedischen Truppen blieb Stralsund eine bedeutende Garnisonsstadt. 1832 lebten 350 Katholiken in dem Bereich unserer Missionsstation „Heilige Dreifaltigkeit“. Davon waren 305 Militärangehörige. Nach der Errichtung eines Depots für die preußische Marine, dem Ausbau des Hafens auf dem Dänholm und der Stationierung der preußischen Küstenflotte nannte man Stralsund „die Wiege der preußischen Marine“. So übernahm der Ortspfarrer die Betreuung der Soldaten. Pfarrer Radek vermerkt in der Chronik, dass die Ernennung eines Militärpfarrers ab dem 1. Januar 1870 erfolgte. Pfarrer Elsner, Pfarrer in Stralsund von 1873 – 1884, betraute das zuständige Ministerium zeitweise sogar mit der Soldatenseelsorge in Swinemünde nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71. Die Militärseelsorge im I.Weltkrieg, der Grundstein zu einer eigenständigen Militärseelsorge in Deutschland, wurde 1832 mit der in Preußen erlassenen Militärkirchenordnung gelegt. Nach der Reichsgründung 1871 übernahmen die meisten Bundesstaaten diese Regelung. Die Seelsorge innerhalb der Armee war dem Militär, nicht der Kirche unterstellt. Die Feldgeistlichen galten als obere Militärbeamte und waren rang- und gehaltsmäßig den Offizieren gleichgestellt. Die Militärgeistlichen kümmerten sich um die Ausrichtung des Gottesdienstes sowie um die Betreuung von Verwundeten und Kriegsgefangenen. Sie leisteten Sterbenden Beistand, spendeten den letzten Segen, veranlassten - soweit möglich - eine ordnungsgemäße Beerdigung und benachrichtigten die Hinterbliebenen. Der Krieg wirkte sich unterschiedlich auf das Verhältnis der Soldaten zur Kirche und zum Glauben aus. Ein Großteil der Soldaten entwickelte vor dem Hintergrund des massenhaften Sterbens auf den Schlachtfeldern erhebliche Zweifel an der christlichen Lehre und wendete sich enttäuscht von Kirche und Glauben ab.
Während des 1. Weltkriegs waren Kriegsgefangene aus Frankreich, Russland und England in einem Gefangenenlager auf dem Dänholm untergebracht. In der Amtszeit von Pfarrer Matthias Wahl von 1897 – 1922, am 28.April 1901, besuchte der katholische Feldprobst des Erzbistums Breslau, Johann Baptist Assmann, die Militärseelsorge Stralsund zur Visitation. Er logierte im „Goldenen Löwen“, dem ersten Haus am Platz. Am feierlichen Gottesdienst nahmen außer den Mannschaften auch der Regierungskommandeur und weitere Offiziere teil. Nach seinem Amtsantritt 1922 wurde Pfarrer Radek als nebenamtlicher Marinepfarrer eingesetzt. Im Jahr 1931 kam es zu einem Eklat. Auf Bitten von Pfarrer Radeks Mutter hatte Pfarrer Radek seinem Mündel (Patenkind) Paul K. verboten, sich als Freiwilliger bei der Reichswehr zu melden. Der geschriebene Brief an sein Mündel erschien auszugsweise im „Angriff“, der Tageszeitung der Deutschen Arbeitsfront und erregte ungeheures Aufsehen. Der kommandierende Fregattenkapitän A. bezeichnete das Verhalten des Pfarrers als hinterlistige Verleumdung, und Pfarrer Radek musste am 16.Dezember 1931 sein Amt als Marinepfarrer niederlegen.

Bis zur Ernennung eines hauptamtlichen Marinestandortpfarrers am 1. März 1938 übernahmen die jeweiligen Kapläne nebenamtlich diese Funktion. Als erster hauptamtlicher Marineseelsorger wurde der bisherige Kaplan Dietrich von Hülsen ernannt. Am 1.Juli 1940 kam Kaplan Karl Heinz Möbius als Zweiter Marinepfarrer nach Stralsund. Die Gottesdienste für die Soldaten fanden in unserer Kirche „Heilige Dreifaltigkeit“ statt. Vom 2. September 1942 bis zum 1. Juni 1944 amtierte Kriegspfarrer Gerhard Serve als Marinestandortpfarrer für die nach Norwegen abkommandierten Geistlichen Dietrich von Hülsen und Karl Heinz Möbius. Nach dem Krieg kehrten die Marinepfarrer nach Stralsund zurück. Dietrich von Hülsen ging 1946 als Studentenpfarrer nach Berlin. Später erhielt er die Pfarrei St. Albert Magnus. Er war Päpstlicher Ehrenprälat und Komtur des Ritterordens vom Heiligen Grabe. Dietrich von Hülsen starb im August 1974. Pfarrer Möbius, der seit 1943 katholischer Pfarrer im Befehlsbereich Admiral Norwegische Polarküste war, wurde am 5.Oktober 1944 verhaftet und wegen „Zersetzung der Wehrkraft zweimal zum Tode und zum Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf Lebenszeit“ verurteilt. Schließlich hob das Gericht des Seekommandanten in Kiel das Urteil am 26. April 1945, kurz vor der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht, auf. Nach dem Krieg ernannte Konrad Kardinal von Preysing ihn zum Seelsorger der neugegründeten Pfarrei in Binz. 1954 übernahm er die Gemeinde Bohnsdorf bei Berlin. Er starb am 10.Januar 1976.

Militärseelsorge im II. Weltkrieg unter Nationalsozialistischer Herrschaft
Trotz des Abschlusses des Reichskonkordats hat die weitere allgemeine Entwicklung gezeigt, wie wenig sich das NS-Regime verpflichtet fühlte, die vertraglichen Vereinbarungen zwischen Staat und Kirche zu beachten. Im Gegenteil, bald nach 1933 verfolgte das totalitäre System die immer deutlichere Zurückdrängung kirchlicher Präsenz in der Gesellschaft. Am auffälligsten wurde dies im Bereich des Schulwesens durch die Missachtung bzw. Verletzung der Artikel 21 bis 25 des Reichskonkordates. In der deutschen Wehrmacht waren rund 700 katholische Feldgeistliche eingesetzt. Sie waren vor dem Hintergrund des Konfliktes zwischen der katholischen Kirche und dem NS-Regime für die religiöse Betreuung der Soldaten verantwortlich. Die Verpflichtung, Deutschland in Form des Kriegseinsatzes zu dienen, haben sie zu keinem Zeitpunkt infrage gestellt.

Unter teils extremen Bedingungen, allein gelassen von den Oberhirten im Reich, weitab von jeglichem heimatlichen Gefühl, leisteten Priester Seelsorge in der Wehrmacht. Ihre weltanschauliche Gemengelage aus Pflichterfüllung, Vaterlandsliebe, Aufopferungsbereitschaft und Antibolschewismus erklärt, warum sie Anteil an diesem Krieg hatten. Der Zwiespalt war dabei steter Weggefährte, denn leichte Antworten werden die Priester auf die Herausforderungen des Krieges und die Fragen der Soldaten sicherlich nicht gefunden haben.
Nachfolger von Karl Heinz Möbius in Stralsund wurde 1942 Pfarrer Gerhard Serve.
Pfarrer Gerhard Serve war nach seinem Dienst als Militärpfarrer von 1945 bis 1955 Seelsorger in der Pfarrei Barth, danach zum Erzpriester in Neuruppin ernannt und bis zu seinem Tod im Jahr 1994 Hausgeistlicher im Kloster Alexanderdorf.
Foto Pfarrer Gerhard Serve

Pfarrer Gerhard Serve: Gemeindeglieder und Andere berichten
Er wird am 27.Juni 1911 in Berlin –Tegel geboren, nach dem Abitur 1929 folgt das Theologiestudium in Breslau, 1934 wird er zum Priester der Diözese Berlin geweiht, wird Kaplan in St. Christopherus in Berlin-Neukölln, 1937 Kaplan in Bergen /Rügen, anschließend 1941 Marinekriegspfarrer in Drontheim, 1942 dann in Stralsund , ab 1944 in Swinemünde, dann 1946 Pfarradministrator der Gemeinde Barth, hier bekommt er den Titel Pfarrer, ab 1955 ist er Pfarrer in Herz Jesu, Neuruppin , ab 1963 Erzpriester bzw. Dekan,1971 Hausgeistlicher und Rektor des Priorats St. Gertrud in Alexanderdorf bis 1992 , 1982 Päpstlicher Ehrenkaplan. Er stirbt am 25.Juli 1994. Aus der Chronik Erzbistum Berlin.
In Gedenken an Frau Felicitas Knoppke; verstorben 2024
überarbeitet von Roland Steinfurth
Korrektur Wolfgang Vogt
Gemeinde Hl. Dreifaltigkeit Stralsund
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